ME/CFS und Gutachten

ME/CFS und Gutachten

Wird ME/CFS psychosomatisch geframed?

Im Vorjahr hat ein großartiges Recherche-Team von APA, Dossier und ORF gezeigt, wie schwer Menschen mit ME/CFS es haben, bei der PVA Rehageld zu bekommen – auch deswegen, weil statt ME/CFS oft die obsolete Neurasthenie, geprägt im 19. Jahrhundert und im ICD11 nicht mehr gelistet, diagnostiziert wurde.

Nun hat das gleiche Recherche-Team auch Hintergründe geliefert, wie es zu diesem psychiatrischen Framing von ME/CFS kommen könnte.

Die ÖBAK ist für die Zertifizierung von Gutachter*innen zuständig. Angeblich werden in den entsprechenden Lehrgängen nur „formale und rechtliche Standards des Begutachtungsverfahrens vermittelt“, weil ja medizinische Fachkenntnis Voraussetzung sein sollte.

Nun zeigt sich, dass sehr wohl auch medizinische Inhalte zu ME/CFS und PAIS transportiert wurden, jedoch mit einer ziemlichen Schlagseite…

Die Literaturempfehlungen

Im Vortrag der ÖBAK aus dem Jahr 2025 werden Literaturempfehlungen abgegeben.

Man kann mal mit den verhältnismäßig positiven beginnen, konkret der deutschen S1-Leitlinie zu Post Covid. Diese benennt klar, dass PEM ein relevanter Aspekt ist, der zu einer funktionellen Beeinträchtigung führen kann – und dass Pacing praktiziert werden sollte. In diesem Punkt ist zu begrüßen, dass man sich auf diese Leitlinie beruft.

Es bleibt zu hoffen, dass der Inhalt dann auch korrekt umgesetzt wird, denn gleichzeitig besteht natürlich auch ein klarer psychosomatischer Fokus. Nicht falsch bei einem breiten, unspezifischen Begriff wie Post Covid, aber höchst problematisch, wenn diese Überlegungen unreflektiert auf Menschen mit PEM umgemünzt werden.

Es ist aber natürlich auch spannend, dass man hier nicht die vorhandene österreichische Leitlinie hernimmt. Wenn schon internationale Leitlinien als Grundlage verwendet werden, warum dann nicht die englischen NICE-Leitlinien zu ME/CFS?

Eine zweite Empfehlung ist eine Leitlinie zur neurologisch-psychiatrischen Begutachung der AUVA. Gute Aspekte sind der klare Hinweis auf Differentialdiagnostik und Einzelfallentscheidung, problematisch aber durchaus der Fokus auf kognitive Ermüdbarkeit, was nicht das gleiche ist wie PEM.

Eine etablierte neuropsychologische Testbatterie für PEM gibt es noch nicht, durchaus auch, weil sich die Fachrichtung, die hier Kompetenz hätte – die Neurologie – beim Thema ME/CFS abgesehen von Statements dezenz zurückhält. Und man darf auch hier nicht den Fehler machen, jede Subgruppe von Post Covid als ident anzusehen.

Ebenso kann es als problematisch gesehen werden, dass eine generelle Besserung der Probleme im zeitlichen Verlauf angenommen wird. Das ist durchaus wider einigen Studien, die klar die lange Dauer von Beschwerden zeigen.

Und Aggravation mag ein gutachterlich relevantes Thema sein, aber diese kann nur im Kontext der untersuchten Erkrankung eingeschätzt werden. Dazu ist letztendlich fundiertes Wissen und klinische Erfahrung zu ME/CFS notwendig.

Wo es problematisch wird

Und ab hier wird es höchst problematisch. Ein etwas polemisches Schriftstück wird empfohlen, dessen Autor zu ME/CFS ansonsten nur mit einem Leserbrief in Erscheinung getreten ist, wo er „das fünfbuchstabige Akronym“ nicht wiederholen wollte.

Es geht auch in diesem Artikel um die leidige Debatte über den Namen. Mit dem Akronym ME/CFS ist niemand zufrieden.

Die damit aktuell verbundene Erkrankung führt aber zu schwerwiegenden Beeinträchtigungen. Der Versuch, das per Namensdiskussion zu delegitimieren, ist höchst fragwürdig.

Namensdiskussionen sind auf einer Formalebene relevant. Das darf aber nicht eben davon ablenken, dass es eine syndromale Definition von ME/CFS gibt, mit dem Leitmerkmal der PEM.

Wenn diese Verschlechterung nach Überanstrengung, also auch nach Gutachten, unter den aktuellen gutachterlichen Rahmenbedingungen nicht evaluiert werden kann, muss man sich Gedanken machen, wie man das zukünftig besser löst.

Um PEM geht es auch im nächsten Schriftstück. Wissenschaftliche Kenntnisse zu PEM werden geflissentlich ignoriert, diese sei als „angebliches“ führendes Merkmal von ME/CFS zu sehen.

Die Rolle des biopsychosozialen Modells wird hervorgehoben. No na – jede Erkrankung sollte im Sinne des BPS verstanden werden. Wenn es psychische Kofaktoren gibt, mindert das aber nicht die Beeinträchtigung der Betroffenen, im Gegenteil.

Gleichzeitig sind somatische Phänomene wie die PEM, die der Autor offenbar als Fatigue nach Belastung missversteht und damit auf andere Erkrankungen generalisiert, bei ME/CFS das vordergründige Problem.

Und die sozialen Aspekte wie Gaslighting oder fehlende Absicherung werden sowieso nicht berücksichtig.

Der Autor kritisiert einen somatischen Reduktionismus und zitiert dann gleichzeitig mit starker psychosomatischer Schlagseite. Kritische Auseinandersetzung mit der Literatur findet fast ausschließlich im kritischen Framing von Literatur zu somatischer Genese statt.

Das Gustostückerl zum Schluss

Und das Gustostückerl zum Schluss.

Es entsteht ja durchaus der Eindruck, dass primär die Einstellung vorherrscht, dass Leute mit Post Covid oder ME/CFS simulieren.

In den Literaturempfehlungen der ÖBAK wird eine kleine und nicht-repräsentative Studie angeführt. Diese arbeitet per online Fragebogen heraus, dass es während der Pandemie Leute gab, die Covid19 vortäuschten, um krankgeschrieben zu werden.

Das hat nichts mit Post Covid zu tun. Was wollte man damit framen?

Hoffen auf Konsequenzen

Sind diese Literaturempfehlungen das Fundament, auf dem für Menschen mit ME/CFS weitreichende Entscheidungen basieren, dann steht dieses Haus auf sehr wackeligen Beinen.

Wenn die ÖBAK dann gleichzeitig im ME/CFS-Konsensuspapier eine „Stellungnahme von Einzelpersonen ohne Mehrwert“ sieht, in ihren Fortbildungen dann aber Leseempfehlungen für psychosomatisierende Meinungsartikel abgibt, ist das genau mein Humor.

Was zumindest positiv ist – die Berichte haben die Politik auf den Plan gerufen.

Das Sozialministerium will mit der PVA klären, was es mit diesen Inhalten auf sich hat. Man ist auch draufgekommen, dass man ein Referenzzentrum hat, das auf Basis der vorhandenen Expertise zu ME/CFS besetzt wurde. Dieses soll nun in die Erstellung von gutachterlichen Weiterbildungen eingebunden werden.

Es ist aber eigentlich skandalös, dass erst jetzt was passiert, nachdem medial recherchiert werden musste, dass die lange vorhandenen Berichte von Betroffenen über die Tendenz zum falschen Framing von ME/CFS wirklich ein Korrelat zu haben scheinen.

Gutachterliche Entscheidungen mit für ME/CFS-Betroffene weitreichenden Folgen basieren möglicherweise auf Fortbildungen, in denen man kritische Auseinandersetzung mit der aktuellen Literatur nicht wirklich erkennen kann.

Transparenz ist hier klar einzufordern.