ME/CFS

Das biopsychosoziale Modell bei ME/CFS

Eine aktuelle Studie hat zwar nicht direkt Post Exertional Malaise (PEM) untersucht, aber durchaus ein Muster beschrieben, das zu PEM passen kann. Nämlich dass täglicher Stress und Sorge zu Schwankungen des Zustandes bei ME/CFS beitragen.

Natürlich sind Stress/Sorge bei keiner Erkrankung hilfreich. Schon gar nicht bei einer, wo jeder unnötige Energieverlust vermieden werden muss.

Das biopsychosoziale Modell bei Rückenschmerzen

Ich habe meine Dissertation ca. 2005 geschrieben, zu Rückenschmerzen. Dabei habe ich auch die Literatur der 80er/90er gesichtet, die extrem mechanistisch war.

Quasi wenn ein Nerv kaputt ist, schneiden wir ihn durch.

In der klinischen Schmerzmedizin habe ich aber schon damals sehr das biopsychosoziale Modell gelernt – und das macht ja auch Sinn! Denn natürlich beeinflussen psychische und soziale Faktoren, nicht nur bei chronischen Schmerzen, sehr wesentlich das Gesamtbild.

Und natürlich macht es auch bei ME/CFS Sinn, Menschen so zu erfassen.

Aber…

Biopsychosozial bei ME/CFS

Zu oft scheint es, als würden biologische Ursachen komplett zur Seite geschoben, obwohl die wissenschaftliche Literatur – trotz aller Lücken – doch sehr klar zeigt, dass in Körpern von Menschen mit ME/CFS vor allem nach Belastung Dinge anders laufen als bei Gesunden.

Dazu werden oft auch die sozialen Aspekte komplett nach hinten geschoben.

Wie sonst könnte es sein, dass man Menschen mit ME/CFS medizinische und soziale Unterstützung versagt, teilweise nur deswegen, weil man an ME/CFS „nicht glaubt“?

Das verursacht Stress.

Das verursacht Sorgen.

Glaubt wirklich ernsthaft jemand, damit macht man irgendetwas besser?

Die Argumentation ist ja oftmals nicht einmal, siehe oben, medizinisch, sondern rein ideologisch.

Biopsychosoziales Feigenblatt bei ME/CFS?

Mittlerweile scheint „biopsychosozial“ an manchen Stellen zu einem Feigenblatt geworden zu sein, wo man therapeutische/diagnostische Verantwortung wegschieben, sich dabei aber trotzdem als super Humanist fühlen kann, „der den ganzen Menschen sieht“.

Und manchmal, und das ist jetzt bewusst polemisch, scheint es auch nur ein Mittel zum Zweck zu sein, an ME/CFS erkrankten Menschen die volle Verantwortung umhängen zu wollen.

„Was, du machst bei unserer psychosomatischen Einordnung nicht mit? Du willst nicht gesund werden!“

Diese Strohmann-Argumentation sieht man ja auch in der Diktion gegenüber jenen, die ME/CFS behandeln.

„Somatiker“ seien sie, die den Betroffenen die so notwendige Psychotherapie vorenthalten.

Ein großer Teil der Menschen, die ich mit ME/CFS sehe, sind in psychiatrischer/psychotherapeutischer Betreuung – oder werden von mir aktiv hingeschickt.

Und das oft deswegen, weil sie von mangelnder medizinischer und sozialer Versorgung komplett fertig gemacht werden.